Bundesliga mit Familienanschluss

Herzlich willkommen! Mit einem Plakat und bunten Luftballons wurde Langweids neue Spielerin Charlotte Bardsley (3. von links) mit ihren Eltern von Jurka, Johann und Jonah Schnierle in Achsheim begrüßt. (Bild: TTC Langweid)

Wo sich Langweids Tischtennis-Stars aus vier verschiedenen Nationen zu Hause fühlen

Nach zweitägiger Autofahrt waren Charlotte Bardsley, die neue Nummer eins des Tischtennis-Zweitligisten TTC Langweid, und ihre Eltern aus der Nähe der englischen Stadt Birmingham endlich angekommen. Wegen der Corona-Pandemie sei die Überfahrt mit der Fähre das Sicherste gewesen, auch wenn das Fahren mit einem rechts gesteuerten Auto doch etwas seltsam anmutete. Außerdem gehen derzeit in England nur wenige Flugzeuge in die Luft – wenn überhaupt.

Zunächst wurde in Langweid die Dreifachturnhalle inspiziert. „Das ist schließlich ihr neuer Arbeitsplatz“, lachte Spielertrainerin Cennet Durgun. Danach ging es nach Achsheim zum Haus der Familie Schnierle, wo die Spielerinnen während ihrer Aufenthalte zum Training und zu Punktspielen wohnen. Seitdem das sogenannte „Tischtennishaus“, das in der Langweider Ortsmitte zwischen dem Rathaus und der Kreissparkasse stand, vor rund 15 Jahren abgebrochen wurde, waren die Spielerinnen meist in umliegenden Pensionen untergebracht. „Das Haus war eine gute Gelegenheit, ab und zu für uns gute Sparringspartnerinnen zu beherbergen“, erinnert sich Ex-Vorsitzender Gert Jungbauer an eine Afrika-Meisterin, die drei Monate in Langweid gewohnt und trainiert hat.

International geht es in Achsheim einher. Obwohl Nathalie Parades aus Ecuador Spanisch spricht, Loan Lee Italienisch und Vitalija Venckute Litauisch, ist Englisch die Umgangssprache unter den Spielerinnen. „Welcome Charlotte“ stand auf einem Schild an der mit bunten Luftballons geschmückten Eingangstür, Kaffee und Kuchen zur Begrüßung auf dem Tisch.

Seit zwei Jahren beherbergt die Familie Schnierle die Spielerinnen aus vier verschiedenen Nationen. „Mein Mann und ich waren schon zu großen Langweider Zeiten mit Csilla Batorfi immer interessierte Zuschauer und haben in der Halle mitgefiebert, als der erste Titel gewonnen wurde. Das war spannend und interessant“, erzählt Jurka Schnierle. Als Langweid 2007 mangels Sponsoren aus der großen Tischtennis-Szene ausstieg, kühlte das Interesse ab. Es flammte allerdings wieder auf, als Sohn Jonah 2016 mit dem Tischtennis angefangen hat. „Er durfte dann ab und an sogar mit den Langweider Stars trainieren“, berichtet die Physiotherapeutin für Kinder, „seitdem sind wir wieder im Verein dabei.“

Nach dem Aufstieg der Mannschaft in die 2. Bundesliga und deren völliger Umformierung hat man beim TTC Langweid mitbekommen, dass die Schnierles im Begriff sind, in ihrem Haus eine Ferienwohnung einzurichten. Und seitdem wohnen eine Ecuadorianerin, eine Italienerin und eine Litauerin zeitweise mit den Schnierles unter einem Dach. „Wir waren schon immer offen für andere Kulturen“, finden Jurka Schnierle, ihr Mann Hansi und die Kinder Jara (17) und Jonah (14) Gefallen daran.

„Die Familie Schnierle hat das Apartment für die Mädchen vergrößert und renoviert. Wahnsinn, wie das nun aussieht“, zeigte sich nicht nur Trainerin Cennet Durgun beeindruckt. Auch die 18-jährige Engländerin und ihre Eltern waren sichtlich zufrieden mit den neuen Gegebenheiten.

Gastgeber wollen nicht zu aufdringlich sein

Die Bundesliga-Stars haben im Hause Schnierle schon mal Familienanschluss. „Wir unterstützen sie bei allen Fragen und Anliegen, bieten ihnen auch mal Fahrdienste an, wenn sie zum Einkaufen in den Supermarkt wollen“, erzählt Jurka Schnierle. Mit Vitalija Venckute sei man auch schon zur Sightseeing-Tour in Augsburg gewesen. „Aber wir wollen nicht zu aufdringlich sein. Die Spielerinnen sollen Ruhe und Konzentration finden, ein Team bilden.“ Ein Team bildeten auch Loan Lee und Nathaly Paredes, als sie das Fenster nicht geschlossen hatten und von der nahen Schmutter zahlreiche Schnacken den Weg in ihr Schlafzimmer fanden. Doch die beiden reaktionsschnellen Spielerinnen wussten sich zu helfen. „Wir haben sie alle erlegt“, berichteten sie am nächsten Morgen. Ob mit dem Tischtennisschläger, ist nicht bekannt.

Jetzt freut sich Charlotte Bardsley auf die kommende Saison, für die die Termine in der Ferienwohnung in Achsheim für die Spielerinnen schon blockiert sind. Wichtig war für die 18-Jährige noch die Anprobe der „Arbeitskleidung“. Cennet Durgun: „Sie kann es gar nicht haben, wenn sie in einem Trikot spielen muss, das nicht passt. Oder einem Rock.“ In ihrem Zimmer im Hause der Familie Schnierle kann sich Charlotte Bardsley, die im Tischtennis-Internat in Bad Aibling trainiert, dann auch ihren Interessen widmen und Bücher über politische Theorie und Philosophie von Aristoteles, Platon, Machiavelli oder Hobbes lesen. „Da geht es zum Beispiel um die Frage „Was ist Gerechtigkeit?“ und wie lässt sie sich in einem staatlichen Gebilde umsetzen? Für eine 18-Jährige ist das Lesestoff, der nicht allzu leicht zu verdauen ist“, zollte Cennet Durgun ihrer neuen Mitspielerin nicht nur aufgrund ihres Könnens im Umgang mit dem Tischtennisschläger Respekt.

Nicht die erste Engländerin in Langweid

Spielerinnen von der Insel sind in Langweid übrigens nicht neu. Lisa Lomas war von 1996 bis 1999 Publikumsliebling in der Dreifachturnhalle. Die inzwischen 53 Jahre alte Abwehrspielerin gewann 1997 den Europokal der Landesmeister und 1999 die deutsche Meisterschaft mit dem Langweider Team, ehe sie ihre Karriere beendete. Ein gutes Vorbild für Charlotte Bardsley.

Quelle: Augsburger Allgemeine (Oliver Reiser), 30.07.2020 (https://www.augsburger-allgemeine.de/augsburg-land/sport/Bundesliga-mit-Familienanschluss-id57839911.html)