Als man zwei Titel in zwölf Tagen bejubelte

Vor 25 Jahren feierten die Frauen des FC Langweid den ersten von insgesamt acht deutschen Meistertiteln und wiederholten den Triumph im ETTU-Cup. Der wertvollste Titel wurde aber von einem Jugendteam errungen

Am Ziel aller Träume: das erste Meisterteam des FC Langweid mit seinen Trainern sowie Siegestrophäe und Wimpel: (von links) CoTrainer Bobo Pranjkovic, Sylvia Pranjkovic, Jie Schöpp, Christina Fischer, Csilla Batorfi und Cheftrainer Uli Schimmel. Bis 2007 kamen noch sieben weitere Titel hinzu.

Die Saison 2019/20 wurde wegen Corona frühzeitig abgebrochen. Seit Monaten sind die Hallen gesperrt, es fliegen keine Bälle über das Netz. Die Pandemie hat den Sport auch in der Tischtennis-Hochburg Langweid lahmgelegt. An Pfingsten vor 25 Jahren war das alles ganz anders. Innerhalb von zwölf Tagen konnte der FC Langweid zwei Titel in die Lechtal-Gemeinde holen. Die Frauen gewannen die erste von insgesamt acht deutschen Meisterschaften und wiederholten den Gewinn des ETTU-Cups. Wenige Tage später errang der weibliche Nachwuchs den Titel des deutschen Jugendmeisters. Ein Triumph, den der ehemalige Vorsitzende Gert Jungbauer als „besonders wertvoll“ bezeichnet. Hinzukam in dieser Saison der Meistertitel des zweiten Damenteams in der Regionalliga, der mit dem Aufstieg in den 2. Bundesliga verbunden war. „Einen derartigen Erfolg hat es im deutschen Damen- und Mädchentischtennis bisher nicht gegeben“, blickt Jungbauer zurück. Es begann mit einer Enttäuschung.

Freudentänze vollführten die Spielerinnen Christina Fischer, Csilla Batorfi und Sylvia Pranjkovic mit den Fans, die zahlreich in Sonderbussen mitgereist waren.

Zeit auch für einen Rückblick auf zwölf unvergessliche Tage im Mai 1996. Sechs Spiele mussten die Frauen des FC Langweid vom 12.bis 24. Mai bestreiten, mit vier Siegen gewannen sie alles, was in dieser Saison möglich war. Dabei begann alles mit einer Enttäuschung. Als Tabellendritter der Punktrunde unterlag der FCL beim Tabellenzweiten Galaxis Lübeck im ersten Play-off-Halbfinale mit 4:6. Und dies, obwohl man zur Pause noch mit 4:2geführt hatte. „Ein solcher Vorsprung hätte eigentlich zum Sieg reichen müssen“, erinnert sich der damalige Manager Willy Schweinberger. Zwei Tage später sorgten über700 begeisterungsfähige Zuschauer in der Langweider Dreifachsporthalle für eine fantastische Stimmung. Die Halle tobte, als es zur Pause erneut 4:2 stand. Als Lübeck auf 4:3 verkürzte und Csilla Batorfi den ersten Satz gegen Olga Nemes verloren hatte, musste man wieder eine Niederlage fürchten. Doch die Langweiderin machte die Hoffnungen der Gäste zunichte, siegte in einer begeisternden Begegnung noch mit 2:1 und sorgte für das 5:3. Unter dem Druck des Gewinnen-Müssens wuchs Christina Fischer über sich hinaus und sicherte mit dem Punkt zum 6:3 den Einzug ins Finale. Bevor jedoch das Endspiel gegen die TSG Dülmen, gegen die man im Vorjahr noch knapp verloren hatte, anstand, war noch die Titelverteidigung im ETTU-Cup angesagt.

„Wir haben ihn!“ FCL Vorsitzender Heinz Koutecky mit dem Meisterwimpel.

Im Vorjahr hatte der TTC Langweid gegen Bayer Uerdingen klar mit 4:0 gewonnen und galt auch in der Neuauflage als Favorit. Eine Vorentscheidung fiel im Auftakteinzel, das Jie Schöpp gegen Elke Schall gewann. Trotz einer 2:0-Führung musste man nach dem 3:3-Ausgleich bangen. Doch wieder einmal war es Csilla Batorfi, die für die Entscheidung sorgte. Nach verlorenem erstem Satz demonstrierte die hochmotivierte Ungarin gegen Ying Tian-Zörner, wie man eine Abwehr zerlegt. Beim anschließenden Bankett bewiesen die Langweiderinnen, dass sie auch etwas vom Feiern verstehen. Nur zwei Tage später mussten die Spielerinnen schon wieder zum ersten Finalspiel um den deutschen Titel nach Dülmen aufbrechen. Die Mannschaft war nach den Erfolgen der Vortage zwar guter Dinge, doch der Kopf war nicht frei und die Beine müde. So konnte man nur bis zum 3:3 mithalten und verlor am Ende mit 3:6. Im Rückspiel hätte der TSG Dülmen also ein Unentschieden gereicht. Nur bei einem Langweider Sieg würde es ein drittes Spiel geben. 800 Zuschauer hatten sich mit allen möglichen Lärminstrumenten ausgestattet, um lautstark mitzuhelfen, das Unmögliche noch möglich zu machen. Der FCL startete mit einer 2:0-Führung aus den Doppeln, zur Pause hieß es mal wieder 4:2. Dann steigerten sich Jie Schöpp und Csilla Batorfi in einen wahren Spielrausch und gewannen ihre Partien zum 6:2-Sieg. Damit hatte niemand gerechnet. Die Halle stand Kopf. In einem dritten Spiel in Dülmen musste also die Entscheidung fallen. Viele Langweider Fans reisten mit in den Westen, selbst das Bayerische Fernsehen entsandte eine Delegation. Die Doppel endeten 1:1, und Csilla Batorfi gewann ein weiteres Mal gegen Ding Yaping, die später auch in Langweid spielte. Die Vorentscheidung fiel, als Nicole Struse die Begegnung gegen Jie Schöpp aufgeben und mit einer Magen- und Darmverstimmung ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. „Damit waren die Weichen gestellt, obwohl man den Langweiderinnen ihre Hemmungen anmerken konnte“, konstatierte der inzwischen verstorbene BTTV-Präsident Claus Wagner, der die Finalspiele begeistert verfolgt hatte: „Diese Dramatik war kaum auszuhalten.“ Nach dem 6:2-Sieg kannte der Jubel keine Grenzen, als Jie Schöpp, Csilla Batorfi, Christina Fischer und Sylvia Pranjkovic erstmals den Meisterpokal in Empfang nehmen konnten. Die Spielerinnen und die mit Sonderbussen mitgereisten Fans lagen sich in den Armen. Manche Träne wurde heimlich beiseite gewischt. „Jetzt sollten wir uns überlegen, ob wir eine Straße nach Csilla Batorfi benennen – oder ein Denkmal auf-stellen“, meinte Langweids Bürgermeister Karl-Heinz Jahn. Und in der Tat gibt es seitdem in der Lechtal-Gemeinde einen Csilla-Batorfi-Weg. Das ganze Umfeld passt perfekt zusammen. Maßgeblichen Anteil an diesem Erfolg hatten auch Abteilungsleiter Gert Jungbauer, Frauenwart Alfons Biller, der jetzt dem TTC Langweid vorsteht, Manager Willy Schweinberger, Sportleiter Roland Paul so-wie insbesondere Trainer Uli Schimmel. In den ersten beiden Jahren stabilisierte er die Mannschaft, führte sie im dritten Jahr ins Finale und schließlich zum Titelgewinn. „Seine ruhige, überlegte Art und seine Fähigkeit zur exakten Spielanalyse helfen ihm sicher enorm, seinen Spielerinnen etwas mitzuteilen, sodass sie oft wie ausgewechselt in einen neuen Satz starten“, analysierte BTTV-Präsident Claus Wagner. Die einzige Enttäuschung in diesem Freudentaumel: Die Mannschaft wurde nicht zu „Blickpunkt Sport“ ins Studio eingeladen, obwohl der FC Langweid für den größten Erfolg einer bayerischen Mannschaft im Jahr 1996 gesorgt hatte und nach 45 Jahren Pause wieder einen deutschen Tischtennis-Titel nach Bayern geholt hatte.

Die Langweider Meister-Mädchen mit ihren Betreuern: (von links) Andreas Thoma, Jochen Kittel, Nicole Steiner, Monika Reichert, Daniele Maneth, Jana Klessinger, Trainer Franz Kaps, (vorne) Eva Elstner und Astrid Merkle.

Wenige Tage später wurden auch die Mädchen des FC Langweid mit Daniela Maneth, Nicole Steiner, Eva Elstner, Astrid Merkle und Monika Reichert deutscher Jugendmeister. Die Nachwuchsarbeit, für die der Verein bereits 1993 das Grüne Band der Dresdner Bank erhielt, wurde erneut bestätigt, obwohl die Top-Jugendlichen Samanthi Wimalasuryia, Barbara Jungbauer, Tammy Eckhart und Barbara Toth bereits bei den Damen spielten und deshalb nicht eingesetzt werden konnten.

Quelle: Augsburger Allgemeine, Oliver Reiser, 15.05.2021